
Ich zeichne mittlerweile alles auf meinem Wacom Cintiq 16. Direkt auf dem Display zu zeichnen, statt auf ein Tablet zu schauen, das woanders liegt, hat für mich den entscheidenden Unterschied gemacht, vor allem bei dem Teil, auf den ich am meisten Wert lege nämlich saubere, exakte Linien.
In diesem Beitrag nehme ich euch einmal komplett mit durch meinen Prozess. Von Skizze bis zum letzten Glanzlicht, Ebene für Ebene.
Der grosse Vorteil ist die direkte Hand-Auge-Koordination. Ich setze eine Linie genau da, wo mein Stift ist. Kein Umdenken, kein Versatz. Gerade wenn man wie ich viel Zeit in präzise Outlines steckt, spart das enorm viel Frust.
Was mir ausserdem wichtig ist:
Stiftdruck: Die Druckstufen des Pro Pen 2 machen den Unterschied zwischen einer toten und einer lebendigen Linie.
Bildschirmgrösse: 16 Zoll sind für mich der Sweet Spot. Gross genug zum Arbeiten, klein genug für den Schreibtisch.
Kein Akku, kein Chaos: Der Stift muss nie geladen werden. Klingt banal, ist im Alltag Gold wert.
Alles beginnt grob. Ich arbeite in diesem Schritt bewusst schnell und schludrig, es geht nur um Pose, Proportionen und Komposition. Harte Kanten, saubere Übergänge, alles das kommt später.
Ich lege die Skizzenebene an und reduziere später ihre Deckkraft auf etwa 20 bis 30 %, damit sie als Vorlage unter dem Lineart durchscheint, mich aber nicht ablenkt.
Mein wichtigster Rat für diese Phase: Nicht zu früh verlieben. Eine Skizze darf hässlich sein.
Sie muss nur stimmen und man muss nur genau wissen wo die Linien dann gezogen werden.
Das ist für mich der Schritt, der über alles entscheidet. Ich ziehe die finalen Linien auf einer neuen Ebene über der Skizze, langsam, konzentriert, Linie für Linie.
Was mir dabei hilft:
Lange Züge statt vieler kurzer: Eine Linie in einem Zug wirkt immer sicherer als zehn zusammengestückelte. Lieber fünfmal ansetzen und einmal durchziehen. Meistens zeichne ich aus dem Handgelenk.
Die Leinwand drehen: Ich rotiere das Bild ständig, damit jede Linie in meiner natürlichen Zugrichtung liegt.
Wenn das Lineart steht, blende ich die Skizzenebene komplett aus. Ab hier arbeite ich nur noch mit dem, was ich gezeichnet habe.
Jetzt kommt der Teil, den viele überspringen und der aus meiner Sicht der Grund ist, warum Bilder am Ende flach aussehen.
Bevor ich auch nur an Farbe denke, male ich das gesamte Bild in Graustufen aus. Jede Fläche bekommt ihren Grauwert: heller, wo Licht hinfällt, dunkler, wo weniger Licht ankommt. Die Farbe ist in diesem Moment völlig egal.
Der Vorteil: Ich muss mich um genau eine Sache kümmern, nämlich um Werte. Und Werte sind es, die einem Bild Tiefe und Lesbarkeit geben. Wenn ein Bild in Graustufen nicht funktioniert, wird es in Farbe auch nicht funktionieren.
Ich achte hier vor allem darauf, dass sich die wichtigsten Formen klar voneinander abheben. Wenn ich blinzle und alles zu einem Brei verschwimmt, stimmen die Werte noch nicht.
Steht die Graustufen-Basis, kommt die Farbe. Ich lege dafür eine neue Ebene an und setze den Ebenenmodus auf Overlay.
Overlay legt die Farbe über die vorhandenen Grauwerte, ohne sie plattzumachen: Helle Stellen bleiben hell, dunkle bleiben dunkel, aber alles bekommt seinen Farbton. Ich male also einfach flächig die Farben drüber und sehe zu, wie das Bild plötzlich lebendig wird.
Ein paar Dinge, die ich dabei gelernt habe:
Kräftige Farben wählen: Overlay schwächt die Sättigung spürbar ab. Was auf der Ebene knallig aussieht, wirkt im Ergebnis oft dezent.
In sehr dunklen und sehr hellen Bereichen greift Overlay kaum. Dort muss ich später von Hand nachhelfen.
Mehrere Overlay-Ebenen sind okay: Ich trenne gern nach Bereichen, damit ich einzelne Farbtöne später noch ändern kann, ohne alles neu zu machen.
Für die Schattierung nehme ich eine neue Ebene im Modus Multiply und male dort mit einem dunkleren Grau.
Multiply multipliziert die Werte miteinander. Das Ergebnis ist immer dunkler als das Original, und die darunterliegenden Farben bleiben dabei erhalten. Genau das will man bei Schatten: Ein Schatten auf einem roten Objekt soll dunkelrot sein, nicht grau.
Ich arbeite mich hier von gross nach klein vor. Erst die grossen Schattenflächen, die die Grundform definieren. Danach die kleineren Details: Falten, Übergänge, Kontaktschatten dort, wo zwei Flächen sich berühren.
Ein Tipp: Ein neutrales bis leicht bläuliches Grau wirkt bei Schatten oft natürlicher als ein reines Grau. Aber das ist Geschmackssache, probiert beides aus.
Der letzte grosse Schritt und mein persönlicher Lieblingsmoment: die Glanzlichter.
Dafür lege ich eine Ebene im Modus Vivid Light an und arbeite mit einem helleren Grau. Vivid Light ist aggressiver als normales Aufhellen, es erhöht gleichzeitig Kontrast und Sättigung. Das Ergebnis sind Lichter, die richtig strahlen, statt nur blass zu sein.
Genau deshalb muss man hier sparsam sein. Vivid Light kann ein Bild in Sekunden überstrahlen. Meine Regeln:
Weniger ist mehr. Ein paar gezielte Glanzpunkte wirken stärker als flächiges Aufhellen.
Deckkraft runterdrehen. Ich male meist mit voller Stärke und reduziere danach die Ebenendeckkraft, bis es stimmt.
Dahin setzen, wo das Auge hinsoll. Glanzlichter lenken den Blick. Nutzt das bewusst für die Bildkomposition.
Kanten, Rundungen, Augen, Metall, alles Feuchte: das sind die Stellen, an denen ein Glanzlicht am meisten hermacht.
Zum Schluss gehe ich noch einmal über das ganze Bild:
Farbkorrektur: Eine Anpassungsebene über allem, um die Gesamtstimmung zu justieren.
Der Kern meines Workflows lässt sich in einem Satz zusammenfassen. Erst Werte, dann Farbe.
Die Graustufen Basis nimmt mir die schwierigste Entscheidung ab, indem sie sie von der Farbe trennt. Overlay, Multiply und Vivid Light bauen anschliessend darauf auf, jede Ebene mit genau einer Aufgabe. Das macht den Prozess nicht nur übersichtlicher, sondern auch reparierbar: Wenn etwas nicht stimmt, weiss ich genau, welche Ebene ich anfassen muss.
In meinem nächsten Post kommt dann ein Zeichnungsvideo von mir, und eine noch exaktere Erklärung zum Workflow.
STAY TUNED!